Literarisches Schreiben

 

Still jetzt

Still jetzt. Sei still. Niemand schreit. Hör hin. Es sind nur Vögel, die den neuen Tag begrüßen. Tauben wandern über den Asphalt, picken Krumen auf, Spatzen springen frech dazwischen. Nein, niemand weint. Das ist Kinderlachen! Erkennst du es denn nicht? Sie spielen in der Wiese, weit weg von den Tauben und dem Asphalt. Sie haben Spaß an diesem herrlich warmen Sommertag. Sirenen, sagst du? Ich höre sie nicht. Ein frischer Luftzug, der ein Glockenspiel zum Schwingen bringt. Ein sanfter Klang. Alles ist ruhig. Nichts ist geschehen. Ein Morgen voller Freude und Leichtigkeit. Es könnte so bleiben, weißt du.

Wir werden lachen. Später am Tag. Die Hosenbeine aufgestülpt, werden wir das frische Gras unter unseren Zehen spüren und die Gänsehaut, die über unsere Rücken rinnt, wenn die Beinchen der Käfer kitzeln, die über unsere nackte Haut spazieren. Die Oberkörper aufgestützt, die Schulbücher vor uns aufgeschlagen, die Augen geschlossen, strecken wir unsere Gesichter der Sonne entgegen. Wir lächeln, zufrieden. Wir werden reden. Wir werden schweigen. Wir werden glauben, dass wir glücklich sind. Du und ich. Ein jeder für sich und doch nicht allein. Sag, worauf warten wir? Gehen wir gleich in den Park. Geh nicht nach Hause zurück. Du hast es versprochen, sagst du. Mir auch. Vergiss das nicht, wenn du zu Hause bist und dich deiner Mutter gegenüber an den Mittagstisch setzt. Ich warte auf dich. Hier im Park, unter dem Ahornbaum, am Rande der Liegewiese, da warte ich. Du hast es versprochen! Hörst du! Vergiss es nicht!
Still jetzt. Sei still. Sag nichts zu ihr. Hör einfach nicht hin. So glaub mir doch. Sie kann nichts dafür, die Wörter rutschen wie von selbst aus ihr. Sie meint sie nicht so. Sieh nur wie gebeugt du gehst. Sie sind zu schwer für dich. Verschließ dich vor ihr. Dein junger Körper, so mager und leicht, als wäre es nur ein Gedanke, der dich zusammenhält.

Vögel steigen kreischend zum Himmel auf. Irgendwo schreit eine Frau, entsetzlich schrill. Viel zu laut. Sirenen heulen auf.

Du bist ganz still. Sagst kein Wort. Stehst schweigend vom Mittagstisch auf. Drehst dich um, gehst auf den Gang hinaus. Kein Zögern in deinem Schritt und keine Unsicherheit. Weit reißt du die Zimmertür auf. Gehst weiter, immer weiter, gehst einfach durchs Fenster hinaus. Still jetzt.

Birgit Krenn (c) 2005

 

Mitgift

Gegebenfalls werde ich mich zurückziehen,
an einen Ort voller Dunkelheit und einer Stille,
die mir nicht in den Ohren brummt,
um an deinem Anblick entlang zu wachsen
bis ich die Verwundbarkeit ertragen kann,
die mit dir kam.

Sommer 2015

 

Aufbruch

Ich muss aufbrechen oder
losbrechen, wie ein Orkan.
Die Zurückhaltung aufgeben, mich haltlos verströmen.
- Als wäre es damit getan.
Mich verbreiten und erweitern,
dass nichts und niemand an mir vorüber kommt.
Halt machen müssten sie,
mich anschauen
und selbst eine Brücke bauen.
Ich bin der Fluss.
Der Mitreißende, der Fließende.
Befruchtend und nährend.

Birgit Krenn, Juli 2013

 

Ignoranz 
Deine Haut passt nicht zu meiner.
Stachelig, wie ich nun einmal bin,
widerstrebend und borstig.
Die kleinen Häkchen meiner Haut
zerkratzen deine Finger.
Besser du berührst mich nicht.
Deine Worte brennen Löcher in meinen Panzer.
Ätzend und tödlich.

Birgit Krenn, © 22. Juli 2013

 

Bei einem SchreibTREFF enstanden, zur Schreibanregung Nr. 43

Nackt
Schau. Schau mich an.
Meine geröteten Wangen, meine fahrigen Hände.
Sie gehören Dir.
Ich entdecke mich, im An-Dir-Vorübergehen, im Vorübergleiten.
Nicht neu, entdecke Altes, Vergessenes. Genieße es, meine Rollen auszufüllen.
Spiele ein Spiel mit Dir. Das Spiel heißt: In-Bewegung-bleiben.
Der Staub, den ich aufwirble, verdeckt dir die Sicht - noch im Stehen - bis er sich setzt.
Teilchen für Teilchen zu meinen Füßen senkt
– was, wenn du mich nicht sehen willst?

Birgit Krenn, © Oktober 2013 


 

Für eine Ausschreibung zu einer Skulpturenreihe  mit dem Thema "Zeitsteine" entstand 2008 folgendes Gedicht:

Zeit-Raum
Eine ganze Ewigkeit
werde ich Zeit haben,
um mich auszustrecken.

Ohne Hast
werde ich lernen

mich zu verschenken.

Ich werde gut sein.
Nährend und bereichernd.
Endlich bereit zu verschmelzen.

Birgit Krenn, 2008

 
 

Weitere Texte:  

Adam und ich